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Was in … passiert

monatsthema – Entfachen wir die Nacht neu

Besuchen Sie uns am 22. September, um das Programm zu entdecken

Die Eröffnung. Man hat sie erwartet. Sie kommt früher als gedacht. Eine Uhrmacherstadt, die am Ende ihre eigenen Mechanismen ein wenig aus dem Takt bringt. Ausnahmezustand. Am 31. Dezember 2026 erscheint etwas in der Nacht. Eine fast unwirkliche Landschaft, aber ohne Dringlichkeit und ohne Katastrophe. Nur Lichter, die flackern, ein schwebender Moment vor dem Strudel. Dann öffnen sich die Türen der Alten Schlachthöfe, und LA CRUSH – rund zwanzig Künstlerinnen und Künstler aus allen möglichen Ecken – nimmt den Ort in Besitz. Tanz, Musik, akrobatische Performances: Das Kollektiv nimmt das Publikum mit, das sich plötzlich im Zentrum wiederfindet, ohne dass jemand genau wüsste, wie es dazu gekommen ist. Es zirkuliert, es vibriert, es entgleist gerade so viel, wie es braucht. Die Feier geht nach Mitternacht weiter. Sami Galbi, Maraboutage, Secteur sucre. Glühender Raï, Clubbing, schwüle Elektroklänge: Das groovt. Man wird sich wohl an diese Nacht als an eine nicht ganz brave erinnern.

Auf dem Heimweg merkt man, dass die Stadt schon nicht mehr ganz dieselbe ist. Zwei oder drei Dinge sind aufgetaucht, und man fragt sich, ob sie nicht schon vorher da waren. Man kommt irgendwie aus dem 31. heraus. Man bemüht sich, sich schnell und so gut wie möglich zu erholen: Das Programm geht bereits am 2. weiter. Ein monumentales Gemälde von Tenko setzt am Bahnhof ein Zeichen, die Sonne bricht durch die Wolken, und die Rauchschwaden von Olaf Breuning steigen auf: Das Jahr startet glänzend. Das Wochenende geht weiter. In der Maison du peuple feiert man die Schweizer Demokratie treffend und mit Schalk, während in den Alten Schlachthöfen die Kunst der Improvisation auf ein volles Haus zielt. In der Salle de musique setzt man sich: Hier ist alles darauf ausgerichtet, zuzuhören. Der Klang, ebenso wie die Stille, ist eine ernste Angelegenheit. Das ist gut so – die Ausschweifungen von Neujahr behält man lieber ein wenig für sich. Die Carte blanche für Hania Rani kommt genau zur richtigen Zeit: An der historischen Orgel gleiten die Hände der Künstlerin, ohne zu drängen.

 

Hier lässt sich die Zeit in Details ablesen und auf die Sekunde genau messen. Im Musée international d’horlogerie präsentiert die Ausstellung „Mécanique-fiction“ die renommierte Sammlung von Maurice Sandoz. Objekte von bemerkenswerter Präzision, filigran gearbeitete Stücke, bei denen der Detailgrad ans Außergewöhnliche grenzt.

Als Echo auf eine Nacht der Fotografie, die ihre Ausstellungszeit verdoppelt, bieten die Bilddestillateure des Kolektif Alambik und die Kinder, mit denen sie zusammengearbeitet haben, ihre Vision des uhrmacherischen Erbes. Die Fassaden werden zur Projektionsfläche, im Großformat. Hinter dem jahrhundertealten Know-how treten die Geschichten hervor. Man (wieder)entdeckt Gesten, erkennt Gesichter. Zeugen einer kollektiven Vergangenheit, die in der Gegenwart gelesen und gelebt wird.

Am 24. Juli 2023 um 11:30 Uhr verlor La Chaux-de-Fonds jedoch seine gewohnte Mechanik. Innerhalb weniger Minuten fegte ein Sturm mit Windgeschwindigkeiten von über 200 km/h durch die Stadt. Hundertjährige Bäume stürzten um, Dächer flogen davon, Orientierungspunkte verschwanden. Eine Uhrenstadt plötzlich aus der Zeit gefallen. In den Anciens abattoirs interpretiert Claudia Comte die Idee dieses Sturms im Inneren des Gebäudes neu, im Rahmen eines monumentalen Werks. Ein Wald erobert den Raum. Umgestürzte Stämme, verschobenes Holz, eine schiefe Landschaft. Man versteht, was geschehen ist. Und was noch zu tun bleibt.

In La Chaux-de-Fonds hat sich der Karneval nie dauerhaft etabliert. Protestantische Stadt? Vielleicht. Vor allem aber eine Stadt, in der man nie auf ein bestimmtes Datum warten musste, um eine gewisse Form von Exzess und Feierlaune zu pflegen. Wenn also 2027 einer seiner Ableger zurückkehrt, dann nicht zaghaft.

Die Umzüge durchqueren die Stadt, die Blaskapellen füllen die Läden, der Wintermann wird auf öffentlichem Platz verbrannt, die Blechbläser schlagen gegen die Schaufenster und die Menschen drängen sich um die Theken. Die Kneipentour zieht sich bis in die frühen Morgenstunden. Hinter den beschlagenen Schaufenstern vibriert die Musik, während eine Art kollektiver Rausch nach und nach die Stadt erfasst.

Innerhalb von 24 Stunden scheint die Temperatur um zwei Grad gestiegen zu sein, als hätte La Chaux-de-Fonds beschlossen, das Ende des Winters selbst zu beschleunigen. Es ist allgemein bekannt, dass diese Stadt den Faden zu verlieren weiß – und das steht ihr gut.

„Lachen ist gesund“, sagte ein ehemaliger Bundesrat mit einer Ernsthaftigkeit, die viral ging. Seither wird der Schweizer Humor sanft verspottet. Aber gleichzeitig auch gefeiert. Auf Bühnen, in Fernsehshows und sogar in französischen Radiostudios. Im April ergreift La Chaux-de-Fonds ihn daher in vielfältigen und unkonventionellen Formen. Natürlich unter der Schirmherrschaft einer Schutzfigur: Zouc, von der wir einige Erben kennen. Allen voran Tiphanie Bovay-Klameth.

In der Schweiz haben die SBB die magische Formel, um den perfekten Takt der Züge aufrechtzuerhalten, ohne dass das Netz aus dem Ruder läuft: „nicht so schnell wie möglich, sondern so schnell wie nötig“. Letztendlich ist es vielleicht genau das, der Schweizer Humor: ein hochpräziser Mechanismus, immer am Rande der Entgleisung.

Nach dem Brand von 1794 wiederaufgebaut, organisiert sich La Chaux-de-Fonds in geraden Linien und präzisen Winkeln, in einer Logik der Effizienz, die direkt mit der Uhrmacherei verbunden ist – eine Besonderheit, die heute von der UNESCO anerkannt wird.

Alles zirkuliert. Sowohl das Licht als auch die Autos. Fast eine Straßenstadt, die man durchquert, ohne ihr wirklich Beachtung zu schenken. Und doch lohnt sich der Halt: Räume, die aktiviert werden wollen, Zentren, die neu belebt werden wollen, Orte, die darauf warten, dass man bei ihnen verweilt. Also tun wir im Mai, was uns gefällt. In Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne starten wir einen Test – keine Antwort. Eine Form des taktischen Urbanismus: besetzen, verlangsamen, sehen, was sich verändert, wenn man sich etwas Raum und Höhe nimmt. Rund um die Grande fontaine beginnt alles. Ein Kipppunkt, um die Maschine ein wenig aus dem Takt zu bringen. Eine Kulturhauptstadt dient auch dazu.

Eine monumentale Architektur entsteht. Man kann hinaufsteigen, schauen, sich niederlassen. Man entdeckt die Landschaft aus einem anderen Blickwinkel wieder, fast vom Himmel aus. Was zum Durchqueren diente, wird zu einem Ort, an dem man sich Zeit nimmt. Das Stadtzentrum zeigt sich anders, die Jeudredis Bleus nehmen ihren Platz ein, die Gastronom*innen stellen ihre Terrassen auf. Etwas weiter östlich feiert der Bikini Test seinen 35. Geburtstag. Die Eisheiligen müssen sich in Acht nehmen.

Juni ist der Monat der grossen Zusammenkünfte. La Chaux-de-Fonds überrascht, und alle sind sich einig: In dieser auf 1.000 Metern gelegenen Stadt ist noch alles möglich.

In den Anciens abattoirs fällt der Startschuss für ein neues Festival: Ultra froid, Méga loin. Hier bringt der Sound Geist und Körper in Bewegung. Tagsüber erkundet man mit m4music die Ideen und Themen, die die Musikwelt prägen. Abends ist Praxis angesagt: In einem ständigen Hin und Her zwischen Zuhören und Tanzen lassen drei Bühnen Elektronik, Rap und zeitgenössischen Jazz zusammenleben. Und als Kontrapunkt singt man im Chor mit elie zoé. Ultra kalt, mega weit weg. Der Beweis ist mathematisch: minus × minus = plus.

Am Wochenende der Sommersonnenwende wird ein Abschnitt der Rue de la Serre zur Fussgängerzone. Auf die ursprüngliche Initiative von Louis Jucker hin wird das DIY-Festival (Do It Yourself) orchestriert. Eine kollektive Hommage an den Improvisationsgeist einer lokalen Szene, die es gewohnt ist, mit wenig auszukommen. Workshops werden organisiert, Seifenkisten stürzen sich ins Rennen, Konzerte reihen sich aneinander, und im Club 44 sprühen und zirkulieren die Gedanken. Und vor der Hausnummer 90 erscheint – zum Verwechseln ähnlich – eine verkleinerte Kopie des Gebäudes. Eine Version, entworfen von Giona Bierens de Haan, die von Menschenarmen getragen wird und durch die Stadt zieht. Wie ein Emblem, ein Banner – das diesen Brachflächengeist ehrt und sichtbar macht, der ohne jeden Zweifel dazu beigetragen hat, La Chaux-de-Fonds zur ersten Schweizer Kulturhauptstadt zu machen.

Immer mehr Terrain für die Kunst zu erschliessen – das ist auch das Credo von Boris Charmatz. Am 26. Juni in Les Éplatures: keine Abflüge mehr, keine Ankünfte mehr. Der Flughafen kommt zum Stillstand, damit auf seinem Rollfeld ein choreografisches Fest entstehen kann, das durchaus legendär bleiben könnte. Gemeinsames Aufwärmen auf einem Kilometer Piste, partizipative Workshops, Aufführungen, Performances: Ab 16 Uhr ist jede*r eingeladen, mit dem, was er oder sie ist, in den Tanz einzutreten. Keine Bühne, keine Tribüne. Nur Menschen, getragen von einer Welle gemeinsamen Vergnügens. Gegen 22 Uhr ändert sich die Stimmung: Die DJs übernehmen, und es ist der letzte Take-off der Körper. Mit dem deutlichen Eindruck, dass die Sonne zu stark gebrannt hat.

Auf tausend Metern Höhe bleibt die Stadt atembar, während andere ersticken. Die Bäume halten noch stand, die Abende kühlen gerade so weit ab, wie es nötig ist. La Tchaux, wie sie von ihren Vertrauten genannt wird, nimmt die Züge einer Oase an. So kehren zwangsläufig auch die Tiere zurück. Mit Lisières von Aurore Faivre und Marie Jeanrenaud tauchen wilde Präsenzen an Straßenecken und an Gebäuden wieder auf. Tiercollagen erscheinen diskret, als ob der Wald sanft seine Rechte zurückerobern würde. Man begegnet ihnen unverhofft. Manchmal sucht man sie sogar.

Bei genauem Hinsehen waren sie vielleicht schon immer da. In La Chaux-de-Fonds hat der „Style Sapin“ (Tannenstil) längst die jurassische Natur in die Stadt geholt: geschnitzte Tannenzapfen, Vögel, Zweige und stilisierte Tannen schleichen sich auf die Jugendstilfassaden und in die Treppenhäuser. Mit ihrem choreografischen Spaziergang versucht auch ADN Danse, Natur und Kultur einander näherzubringen. Indem sie in die Fußstapfen von Marc Oosterhoff tritt, führt sie den Tanz aus seinen Mauern hinaus und nimmt uns mit in den Wald. Vergessen Sie die Spitzenschuhe und holen Sie Ihre Wanderschuhe hervor!

Auf dem Marktplatz erscheint in Zusammenarbeit mit dem Locarno Film Festival eine Leinwand, Sitzreihen werden aufgestellt. Ein wenig wie eine Piazza Grande in der Version von La Chaux-de-Fonds. Für den Einbruch der Dunkelheit hält man eine Strickjacke bereit. Die Stadt wird zur Kulisse: Wäsche hängt an den Fenstern, die Nachbar·innen kommen auf die Balkone, einige schauen zu, andere hören zu. Der Film beginnt und entzieht uns unseren Träumereien. Mit einem Glas in der Hand, Spritz oder Limonade, lässt man sich nieder. Die Tage sind lang; die Abende auch.

Der August beginnt mit offiziellen Erzählungen, Hymnen und Feuerwerk. Doch hinter den Symbolen treten Spannungen zutage: Was heisst es, Schweizerin oder Schweizer zu sein? Welchen Platz haben Sprachen, Kulturen, Unterschiede? Die Kunst geht auf die Strasse, nimmt die Plätze in Besitz, verwischt Grenzen. Alternative Erzählungen setzen sich durch, zeichnen die Karte neu. Alle darstellenden Künste treten in den Vordergrund. Gefeiert wird, was sich bewegt, was atmet. Stimmen vermischen sich, Körper erzählen. Die Stadt wird zum Ritual, sie ist kollektive Trance. Und mitten in all dem nähren die Echos vergangener Revolten unsere Vorstellungswelten. Es wird gespielt – aber echt.

Zuerst ist es Zeit für La Plage des Six Pompes, den unverzichtbaren Schweizer Treffpunkt der Strassenkünste. Unter ihrem Puls und nach der Formel von Michel Crespin wird „die Stadt zu einer 360-Grad-Bühne“, die man mit Begeisterung durchstreift. Intime Formen und XXL-Formate stimmen sich ab, um den Ton anzugeben: gross denken – und gemeinsam.

In diesem aussergewöhnlichen Jahr dauert das Fest länger. Ein Stück weiter, auf einer Brachfläche der SBB, tauchen Zirkuszelte auf, darunter das von Circo Bello. Das Bild erinnert an ein Archiv: 1902, anlässlich seiner Europatournee, macht der Zirkus Barnum & Bailey Halt in La Chaux-de-Fonds. Eine ganze Welt kommt damals mit dem Zug an: Truppe, Raubtiere, Pferde, Elefanten. Heute ist die Menagerie verschwunden – und das ist besser so. Das Wesen des Zirkus bleibt jedoch bestehen – mit Bravour neu interpretiert von Künstlerinnen und Künstlern von hier und anderswo.

Während die Planen zusammengelegt und die Masten abgebaut werden, übernehmen die Anciens abattoirs den Staffelstab. Die neue Kreation von Anne Bisang eröffnet den letzten Satz dieser augustlichen Ode an die darstellenden Künste. Das Programm entsteht in gemeinsamer Front mit anderen Neuenburger Strukturen und weiteren Schweizer Festivals. Die Formen zirkulieren, die Sprachen kreuzen sich, das Publikum bewegt sich. Der Röstigraben hält nicht mehr stand, ebenso wenig die Grenze zwischen oben und unten.

Der September öffnet sich weit. Die Braderie – Les Horlofolies feiert ihre 50. Ausgabe. Seit 1932 verwandelt diese fröhliche Volksmechanik La Chaux-de-Fonds in ein riesiges kollektives Fest. Über 150’000 Menschen strömen in eine Stadt, die viermal weniger Einwohnerinnen und Einwohner zählt. Die lokalen Vereine betreiben die Stände, Blaskapellen treffen auf DJs, die Würste verschwinden in beunruhigender Geschwindigkeit, und die Caipirinhas tun, was sie können. Eine riesige Marionette zieht umher. Das alles, als wäre es vollkommen normal.

Ein paar Tage später ein Wechsel des Registers: Die Plattenteller machen Platz für Streicher, Blechbläser und andere Instrumente. Die Schubertiade RTS Espace 2 macht Halt in La Chaux-de-Fonds. Konzerte gibt es in Hülle und Fülle – an emblematischen oder auch ungewöhnlicheren Orten. Für ein Wochenende scheint die Musik überallher zu kommen. Inspiriert von den Treffen, die Franz Schubert und seine Freund·innen in Wiener Cafés organisierten, schlägt die Schubertiade eine andere Art vor, klassische Musik zu hören. Näher. Einfacher. Für Melomaninnen und Melomanen ebenso wie für Nicht-Eingeweihte. Ein Leitwort: Grenzen aufbrechen. Das gefällt uns sehr.

Man betritt einen Ort, besucht ein Konzert und zieht weiter zum nächsten. Kein vorgegebener Parcours – ausser vielleicht das Konzert am Samstagabend, Pflichttermin für alle Ohren auf der Suche nach grossen Emotionen. Aus der ganzen Schweiz angereist, begegnen sich professionelle und amateurhafte Musiker·innen, junge Talente und anerkannte Ensembles in einem Programm, das von grossen Seiten des Repertoires bis zu weniger erwarteten Formen reicht. Höhepunkt: Am Sonntagmittag sind alle eingeladen, Schuberts Deutsche Messe mitzusingen. Man muss dafür nicht zweisprachig sein.

Die Abende werden kühler. Man schliesst die Fenster etwas früher, man zieht sich nach drinnen zurück. Es ist die Zeit der langen Gespräche, die sich in der Küche hinziehen. Das ist es, was man früher «faire Chaux-de-Fonds» nannte: nach dem Essen zusammenbleiben, ohne unbedingt ins Wohnzimmer zu wechseln. Eine kleine Stichelei aus dem unteren Kantonsteil, um daran zu erinnern, dass es in der Höhe in den Arbeiterwohnungen oft kein Wohnzimmer gab. Heute erzählt der Ausdruck weiterhin von der Stadt und ihren Bewohner·innen. Eine einfache – und direkte – Art, zusammen zu sein.

In diesem Oktober geht es genau darum: zu den Menschen nach Hause zu gehen. Die Schwelle ihres Zuhauses zu überschreiten. Einen Moment zu bleiben. Ein Stück gemeinsamer Kultur zu teilen. Ein Haus wird zum Schauplatz eines Tanzes. Ein Wohnzimmer wird zur flüchtigen Bühne. Eine Küche empfängt die Worte einer Autor·in. Man rückt die Möbel, stellt die Stühle näher zusammen, jemand öffnet eine Flasche.

Doch manche Schwellen lassen sich nicht so leicht überschreiten. Deshalb geht die Kunst – in diesem Geist einer etwas eigensinnigen Grosszügigkeit, wie sie den Chaux-de-Fonnier·ères eigen ist – auch zu jenen, die nicht zu ihr kommen können. Im Spital bringt eine Silent disco den Pflegenden, den Patient·innen und ihren Begleitpersonen etwas Freude und Entlastung. Ein Konzert überwindet die hohen Mauern des Gefängnisses, ein Tanzworkshop schenkt den Bewohner·innen eines Pflegeheims (EMS) eine kleine Auszeit.

Wir denken auch an jene, die weit weg von zu Hause sind. Wie auch an jene, die kein Zuhause haben. Jede und jeder hat das Recht auf eine eigene Capitale.

November, der Monat der Geister. In den Anciens Abattoirs braucht es nicht viel, um die Vorstellungskraft anzuregen. Ursprünglich dem Tod geweiht, bietet der Ort sich nun einem neuen Leben an, trägt aber noch immer die Spuren dessen, was er einmal war. Nicht alles lässt sich durch die Rückgabe von Schlüsseln und das Auswechseln von Schildern regeln. Manchmal braucht es starke Gesten, poetische und symbolische Akte, damit der Wandel einsetzt.

Nicht weit von dort wird der Friedhof von Les Éplatures seinerseits entwidmet. Die Gräber verschwinden, die Körper werden exhumiert. Was ein rein administrativer Akt bleiben könnte, wird durch die Carte Blanche La Veilleuse, konzipiert von Virginie Rebetez und Julie Houriet, zu einem Übergang, den es zu begleiten gilt. In den Kühlräumen der Anciens Abattoirs entwerfen sie eine performative Installation. Ein zeitgenössisches Ritual, eine weltliche Zeremonie zwischen Erzählungen, Skulpturen und Fotografien. Existenzen werden geehrt, ein letztes Mal. Als würde sich der Kreis vor der Zeit schliessen.

 

Seit mehreren Monaten wird in den Neuenburger Bergen eine eigenartige Fiktion quasi auf Sicht gedreht. Es geht um die Hauptstadt, die Unterstadt und die Stadt nebenan. Kommt Ihnen das bekannt vor? Für Grand Lac, den Titel dieser hauseigenen Grossproduktion, hat André Kuenzy seinen Anzug als Blauer Mann gegen die Kamera eingetauscht. Vor der Linse spielen professionelle Schauspieler·innen an der Seite von Begünstigten der Stiftung Les Perce-Neige, die Menschen mit Behinderung begleitet. Nach und nach begeistert, sind die Bewohner·innen zu Statist·innen geworden. Im Dezember kommt der Film endlich auf die grosse Leinwand. Dann wird sich zeigen, wie weit diese Geschichte über die Ufer getreten ist.

Ab da überschlägt sich alles: Tannenbaum mitten im Pod, Adventskalender, Last-Minute-Geschenke, Menüs für grosse Tafeln… Dieses Jahr kommt noch etwas auf die Liste: Abschied nehmen von der Schweizer Kulturhauptstadt 2027. Diesen Abschied inszeniert das Hibernatus Fest, ein Festival für aktuelle Musik. In seinem Sack: klangliche Perlen für ein musikalisches Tauwetter. Im ABC wird viel getanzt und ein wenig geweint. Auch wenn man weiss: In La Chaux-de-Fonds hält die Kultur – egal zu welcher Jahreszeit und in welchem Jahr – niemals Winterschlaf.

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